Jakobsweg 2010 - Tag 16 - Teil 2

Bis nach Carrion de los Condes geht der Weg immer nur gerade aus neben der Landstraße.
Jeder km wird durch Begrenzungssteine gekennzeichnet und ich kann nun einmal errechnen, wie viel km man in einer Stunde schafft. Es sind mit voll bepackten Rucksack so zwischen 4 bis 5 km im Schnitt pro Stunde.
Um 14 Uhr komme ich in Carrion an. Heute nur 19 km gelaufen. Der Tag aber sehr heiß. fast wolkenloser Himmel, kein Schatten am Weg. Temperaturen so um 35 Grad, es reicht. Zum nächsten Ort wären es noch 17 km. Also hier wird eine Herberge gesucht. Ich laufe mit Johann aus Bielefeld die letzten 500 m in das Zentrum des Ortes und wir suchen gemeinsam die Klosterherberge.

Johann spricht ein klares Deutsch, aber mit irgendeinem Akzent, den ich jetzt noch nicht zuordnen kann.
Johann und ich müssen uns mehrmals durchfragen, bis wir endlich die Eingangstür des von Nonnen geführten Klosters finden. In einem Vorraum bekommen wir unsere Stempel und dann führt uns eine ältere sehr kleine Nonne durch das Kloster. Sie erklärt alle Räume und es ist ihr egal, dass wir der spanischen Sprache nicht mächtig sind. Die Schwester ist aber sehr humorvoll und mit Gestik und Mimik zeigend, auf alles was sie gerade erklärt, verstehen wir auch ihre Einweisungen. Nach einer kurzen Erwiderung meinerseits schlägt Sie mir kräftig und mit einem Lachen im Gesicht auf den Oberarm. Alles klar! Wir haben die Regeln des Ordens verstanden, Schwester!

Auf einmal steht Jo aus Glasgow vor mir und sieht mein Gesicht, das verwundert dreinschaut. Weshalb ich erst jetzt völlig verschwitzt eintreffe und sie wohl schon Stunden wieder hier ist? Diese Frage liegt erkennbar auf meinem Gesicht und ich frage: with Bus? ...und etwas verlegen bekomme ich von ihr ein yes! Jetzt noch eine steile Metallaußentreppe hoch und wir gehen durch einen langgezogenen Flur.                               

Alle angrenzenden Schlafräume haben einen Namen: Europa. Afrika, Amerika usw. Wir können uns ein Bett im Raum: Asia aussuchen.

Nun kommen auch die beiden anderen Ladys in den Raum und die " Nonnen von Mönch Tack" sind wieder vereint, nur Christopher fehlt noch. Ich bin mir sicher, beim Pilgermenü treffen wir ihn.

Im Gespräch mit Johann merkte ich schnell, der Mann nimmt den Pilgerweg ernst und will an seine sportlichen Grenzen. Er gehört zu den Frühpilgern, marschiert vor 6 Uhr morgens los und wandert täglich zwischen 30 bis 40 km. Ist auch schon 50 km am Tag gelaufen, also garantiert kein Pilger, an dem ich mich messen muss. Wolfgang höre weiter auf deine Füße, denn nur dann kommst du auch in Santiago an!

Als er mir erzählte, dass er in Sibirien geboren wurde, war mir schlagartig klar. Es ist kein westdeutscher Dialekt in seiner Sprache, den ich krampfhaft zu deuten versuchte, sondern die russische Herkunft ließ sich ,trotz der vielen Jahre in Deutschland, bei ihm doch nicht ganz verleugnen.                  

Seine Tipps und Hinweise auf Nahrung und Getränke, Schuhe und Strümpfe für das Pilgern ließen erkennen, der Mann hat sich gründlich und umfassend auf seinen Camino vorbereitet. Eigentlich typisch Deutsch ! Wir fanden am Abend ein sehr schönes kleines Hotel in Ortsmitte, in dem auch preiswert Pilgermenüs angeboten wurden und setzten uns zusammen mit vier anderen deutschen Pilgern, die ich heute das erste mal sah. Auf dem Weg sind sie mir bisher noch nicht begegnet, aber Johann kannte einige bereits. Links am Tisch neben mir ein Pilger, schätze Anfang 50, daneben Einer, wohl in meinem Alter.       

Mir gegenüber eine Pilgerin auch aus dem Süden Deutschlands, die sich wohl den Beiden angeschlossen hatte. Rechts neben mir ein Pilger auch Mitte 50.Der Pilger links neben mir übernahm sofort die Rederegie. Eigentlich konnte und durfte ein anderer keinen Redebeitrag mehr leisten. Er war dermaßen dominant am Tisch, dass wir nur Beigabe waren. Ich wurde in den vergangenen Tagen von deutschen Pilgern, wie Dieter aus HH, öfter schon gefragt, ob ich dem Pilger begegnet wäre, der keinem neben sich zu Wort kommen lässt. Der von allem Bescheid weiß, für alle " kluge Ratschläge" parat hat und inzwischen als der " schlauste Pilger auf dem Camino" bekannt ist. Nach fünf Minuten an diesem Tisch weiß ich: Das ist er. Der sitzt jetzt neben mir und das wird noch ein interessanter Abend. Er ist Unternehmer und das betont er mehrmals.

Was er unternimmt, habe ich leider nicht herausbekommen. Sein Handy wurde einige Male zu Rate gezogen, damit er seine Rechnungen und damit seinen Geldeingang prüfen konnte.                              

Die Betonung: Es ist doch schön auf dem Camino zu wandern und Andere für sich arbeiten zu lassen. Der spanische nette Kellner durfte auch mehrmals spüren, wer hier Herr und wer Knecht ist. Nach Aufnahme der Bestellung wurde er immer wieder spontan und lautstark von meinem Nebenmann an den Tisch beordert und mit seinen Spezialwünschen konfrontiert. Dabei war der Saal voller Pilger und der Kellner stand wirklich unter Stress. Am Nachbartisch wieder die bekannten drei Ladys und Christopher aus den USA. Das Essen spitze und dann war der Pilger links neben mir auch so satt, dass wir alle mal einen Redebeitrag halten durften. Selbst sein Mitpilger erzählte ein wenig. Er war ein Angestellter von unserem Unternehmer, wie ich viele Tage später erfuhr. Wie hat der das bloß die vielen Wandertage ausgehalten. Arbeitsplatzsicherung auf jeden Fall?

Nun war mein Nachbar ausgeruht genug und wir durften alle an seinem Erlebnis teilhaben, dass er nur kurz den Camino verlassen hatte, um nach Madrid zu fahren. Dort seinen Sohn zu treffen und mit ihm das Pokalspiel 1. FC Bayern gegen Atletico Madrid im Stadion zu sehen. Die Karte gerade mal pro Person für schlappe 800 €.

 

 

 

 

 

 

 

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