Jakobsweg 2010 - Tag 18

29.05.2010 Pilgertag 18
Terradillos de los Templarios - Calzadilla de los Hermanillos 28 km

Michael fragte mich, ob ich den kräftigen Amerikaner näher kenne und ihn wieder treffen werde. Er und Johann wollen ja in Sahagun auf Uta warten und da Christopher schon seit einer Stunde weg ist, wird er den Amerikaner sicher nicht mehr einholen. Der hatte seine Waschtasche heute Morgen stehen lassen und Michael die im Waschraum der Herberge entdeckt. Na ja, mein Rucksack wiegt nur so an die 15 kg, da fällt das zusätzliche Gewicht von Christophers Tasche nicht weiter auf und ich nehme sie mit. Pilger sollen sich ja gegenseitig helfen und der Amerikaner ist mir auch irgendwie symphatisch. Ich bewundere, wie der seine vielen Pfunde bei der Hitze über den CAMINO schleppt. Das mit dem Vergessen habe ich auch schon erfahren. Gleich am dritten Tag in Zubiri ist mein Schlafanzug in der Duschkabine liegen geblieben, den Pilgerstock ließ ich auch schon in einem Cafe stehen und musste zurück, um ihn zu holen.

Der Planet brennt wie immer in diesen Tagen erbarmungslos und der Weg wird wieder viel Schweiß kosten.
Treffe auf dem ersten Tagesabschnitt zwischen Templarios nach Sahagun oft auf meine Pilger-Menü-Mitstreiter des gestrigen Abends und die beiden deutschen Pilgerinnen, die sich den Herren angeschlossen haben. Gibt also offensichtlich Menschen, die sich die Geschichten meines Tischnachbarn auch tagelang anhören können. Bei jeder Pause wird er sofort wieder zum Alleinunterhalter aller eintreffenden Pilger.

In Sahagun kommt Jo an mir vorbei. Ich frage, ob sie weiß, wo Christopher sich befindet, da ich möchte, dass er seine Waschtasche alleine weitertragen sollte. Sie wusste, dass er auch in Sahagun ist und schickt ihn zu mir. Keine 2 Minuten später kommt er verlegen auf mich zu und ich gebe ihm seine Sachen.

Endlich komme ich nun zu meinem Foto von " Mönch Tack", denn es ist wie verhext, auf dem Weg habe ich ihn immer noch nie gesehen. Immer nur abends in den Herbergen und das seit vielen Tagen.

Mein Pilger- Menü- Nachbar von Gestern und Co. bleiben in Sahagun, ich gehe weiter und sehe am ersten Cafe Michael und Johann, die immer noch auf Uta warten. Gehe in Richtung Ortsausgang und treffe Christopher und Jo am Pilgerdenkmal. Wir machen Fotos vor dem Tor und wandern die kommenden zwei Stunden gemeinsam, dann trennen sich wieder unsere Wege. In Calzada de Coto gibt der Wanderführer mehrere Alternativrouten vor. Die eine immer an der Straße entlang, die andere genannt Römerstraße - calzada romana- ist zwar etwas länger, verspricht laut Pilgerführer aber interessanter zu sein.

Ich entschließe mich, die Römerstraße zu gehen und bin mit diesem Entschluss wohl ziemlich alleine. Am Ortsausgang geht die Dorfstraße in eine breite langgezogene Sandpiste über. Weit und breit kein anderer Pilger zu sehen und ich zweifele, ob ich überhaupt richtig bin.

Der Weg will einfach nicht enden. Laufe ich in die falsche Richtung. Warum sehe ich keinen anderen Pilger auf dem Weg. Habe aber doch das Schild Römerweg gesehen, muss also richtig hier sein. Wenn es bloß nicht so heiß wäre und die Füße derartig schmerzen. Beim Laufen mache ich es mir in diesen Phasen des Pilgerns zur Gewohnheit die Kopfhörer meines MP 3 Player aufzusetzen und Musik von Loreena Mc Kennitt, einer kanadischen Sängerin, zu hören. Das hilft, die brennend heißgelaufenen Füße einfach zu ignorieren. Wieder eine der zahlreichen Pausen zum Ausruhen und noch einmal den Pilgerführer nachlesen. Wann kommt endlich dieses verdammte Dorf?

                                                     Sahagun

Plötzlich kommt ein anderer Pilger an mir vorbei, ohne Notiz von mir zu nehmen. Der hat mich nicht einmal gesehen, ist wahrscheinlich genau so kaputt wie ich. Nach weiteren 3 km taucht ein kleines Wäldchen vor mir auf. Dort ein schöner Rastplatz und die in meinem Wanderführer beschriebene Pilgerquelle "Fuente del Peregrino". Nach weiteren 2 km sehe ich das Dorf. Der Feldweg geht in eine Bitumenstraße über. Jeder Schritt jetzt eine Qual. In der Herberge habe ich Glück. Ein spanischer Pilger wollte mir verständlich machen, dass kein einziger Platz mehr frei ist. Ich wäre nicht mehr weiter gegangen, so kaputt fühlte ich mich in diesem Moment und die Steinbank vor der Herberge wäre mein Schlafplatz für diese Nacht geworden. Zum nächsten Ort sind es noch 18,5 km. Die hätte ich auf keinen Fall bewältigt. Da mir keiner der Pilger vor der Herberge Auskunft geben konnte, wer hier der Ansprechpartner ist, man mir nur erklärte, ich sollte zurück zum Ortseingang und in dem dort befindlichen Hotel doch mal versuchen ein Bett für die Nacht zu bekommen.

Also zurück. Die Wirtin des zum Hotel gehörenden Cafes war auch die Chefin der Pilgerherberge und sie hatte noch ein Bett im Zweibettzimmer der Herberge.

Ich war einfach froh, endlich die Schuhe auszuziehen und die Beine für eine halbe Stunde hochzulegen, denn das war ja auch inzwischen eine meiner Pilger- Erfahrungen: Beine hoch - halbe Stunde ruhen - und die Schmerzen lassen nach. Plötzlich höre ich eine mir bekannte Stimme, ohne die dazugehörende Person zu sehen. Das ist doch Gerald und wo Gerald ist, ist bestimmt auch Dieter nicht weit? Großes Hallo, als er mich sieht und wir unterhalten uns lange, da wir uns seit Tagen nicht mehr gesehen hatten. Von Dieter hatte er sich, aus ähnlichen Gründen wie ich vorher auch, getrennt und läuft nun alleine. Dieter läuft einfach zu schnell und ist bereits ein oder zwei Orte vor uns. Gerald hat starke Schmerzen im Unterschenkel eines Beines, versucht ständig durch Lappen, die er in kaltes Wasser taucht, die Schwellung und die Schmerzen zu minimieren. Dazu hat er die halbe Dorfapotheke leer gekauft und wirft sich Schmerzmittel ohne Ende ein. Meiner Meinung nach sind Dieter und Gerald in den letzten Tagen viel zu schnell und lange unterwegs gewesen und das ist nun die Quittung, nicht auf seinen Körper gehört zu haben.
 

                               Jo und Christopher in Sahagun
Toi, toi, toi, meine Methode zusätzlich den rechten Unterschenkel zu bandagieren hilft mir ungemein. Keine Schwellungen mehr, die roten teilweise schon blauen Flecken werden blasser und meine Hoffnung, es auch bis Santiago durchzuhalten, immer größer. Heute Abend kommt doch " LENA" im Fernseher? Werden die doch wohl in Spanien auch übertragen. Auf zum Pilgermenü in das Hotelcafe. Ist sowieso die einzige Möglichkeit, in diesem einsamen Dorf etwas zu essen zu bekommen. Zu Gerald und mir gesellen sich noch der deutsche Pilger, mein Bettnachbar heute sowie die immer so leise sprechende Pilgerin aus Österreich.

Dazu gesellt sich ein weiterer deutscher Pilger, dem ich zwar öfter auf dem Camino schon begegnet bin, aber nur einmal ein für mich lustiges Kurzgespräch am Wegesrand hatte. An der linken Seite des Feldweges war eine große Strohmiete aus quadratischen Ballen gestapelt. Davor in nur so zwei Meter Abstand stand dieser Pilger mit seinem Fotoapparat und knipste die Strohballenfläche vor sich. Er blickte sich nach mir um und sah wohl mein ungläubiges Fragegesicht. Warum knipst der da Strohballen, hat er so was noch nie gesehen, wohl ein Stadtmensch? Genau als ich auf gleicher Höhe an ihm vorbei gehen wollte, sagte er zu mir: Ja, Ja, soweit ist man jetzt schon nach dieser vielen Lauferei auf dem Jakobsweg. Man knipst sogar schon "HEUBALLEN". Warum nicht antwortete ich ihm, blickte mich noch einmal zu ihm um und sagte: übrigens, das ist STROH! Er schaute verlegen zu mir rüber.
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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