Jakobsweg 2010 - Tag 25

06.06.2010          Pilgertag 25
Riego de Ambros - Cacabelos   29 km

Die Dame aus Österreich lässt es sich schon am Morgen um fünf Uhr nicht nehmen und bedient ihre zwei Mitstreiter lautstark mit ihren Weisheiten, ohne Rücksicht auf die noch schlafenden Pilger.

Die Nachtruhe ist vorbei.

Ich marschiere ohne vorher zu frühstücken raus aus dem Ort. Es ist noch nicht einmal richtig hell. Der Weg geht gleich wieder heftig auf unebenem Felsgestein abwärts durch dicht bewaldetes teilweise sumpfiges Gebiet. Keine Menschenseele weit und breit. In diesen Tagen trifft man sehr wenige andere Pilger. Einsames Wandern ist angesagt, was mir aber derzeit ganz gelegen kommt. Nur an den Abenden vermisse ich doch etwas das gesellige Zusammensein mit anderen.

Nach drei Kilometern einsamen Wanderns treffe ich auf ein Haus. Am Tor steht auf einem Schild - Frühstück für 4 € ab 7 Uhr. Da es kurz vor der Zeit ist, setze ich mich an einen der Tische und werde sofort lautstark von einem Schäferhund begrüßt. Da ich aber keinen Respekt zeige, beruhigt er sich schnell wieder. Sofort kommt die Inhaberin dieses kleinen Haus - Cafes und ich kann bestellen. Es gibt ein Super - Frühstück für wenig Geld.

Der erste Ort danach heißt Molinaseca. Über eine Römerbrücke erreicht man das Zentrum mit Kirche und Klosteranlage. Nach weiteren acht Kilometern geht es in den größeren Ort Ponferrada. Dieser Ort auf dem Camino ist berühmt wegen seiner Templerburg aus dem 12/ 13. Jahrhundert. Eine der bedeutendsten Militäranlagen Spaniens aus dem Mittelalter. Von den Templern erbaut, sollte die Burg den Weg der Pilger und die Brücke über dem Fluss Sil sichern. Heute ist Sonntag und wohl in Spanien ein besonderer Feiertag. In Ponferrada sieht man viele festlich gekleidete Mädchen in langen weißen Kleidern und Jungen in schwarzen Anzügen. Zusammen mit ihren Eltern und Familien gehen sie alle in Richtung Kirche.

Vor dem Eingang ist ein festlich geschmückter Altar aufgebaut worden.

In Ponferrada, der Hauptstadt der Region Bierzo und genau zwischen Kastilien und Galicien gelegen, gefällt es mir sehr gut. Da es aber noch früh am Vormittag ist, die Herbergen erst um 14 Uhr öffnen und ich keinen der vorbeikommenden Pilger kenne, entschließe ich mich nach einer ausgedehnten Pause auf dem Plaza de la Encina, weiter zu wandern. So werden es heute wieder einmal 29 km bis zum Abend und Ankunft in Cacabelos.
Den Höhepunkt des Tages erlebe ich bei Ortseintritt in Columbrianos. Ohne die Kirche bereits zu sehen, höre ich Glockengeläut. Sehe auf einmal den Turm der Kirche und vier Männer, die jeweils zu zweit per Hand die Kirchenglocken anstoßen und diese in Schwingung halten.

Das sah ganz toll aus und ich musste unbedingt fotografieren, da ich sehr beeindruckt von diesem Prozedere war. Die dörfliche Kirchgemeinde setzte sich in Bewegung und lief die gesamte Dorfstraße in Richtung Zentrum. Vorneweg Jugend - Musiker, dann die Träger der Kirchen -Reliquien. Es folgten die Mädchen in ihren schicken weißen Kleidern und Jungen in den schwarzen Anzügen sowie deren Familienangehörige, alle festlich gekleidet. Auf der gesamten Straße wurden Blumenblüten verstreut. Wie auch schon in Ponferrada bewundert, waren vor einigen Haustüren Blumen in verschiedenen Blütenfarben kunstvoll zu Bilder - Ornamenten auf dem Straßenpflaster verlegt.

In allen weiter folgenden Dörfern sah man die Dorfstraße voller Blütenblätter.

Nach einem wieder viel zu langen Marsch endlich Cacabelos erreicht. Direkt an der Kirche ist eine praktisch angelegte Pilger - Herberge, deren Ansicht allerdings die Kirchen- Architektur so richtig verschandelt. Fast um die gesamte Kirche sind in Holzbauweise Kabinen mit jeweils zwei Betten, nur unterbrochen vom Toiletten - Trakt. Ich beziehe Kabine 42 zusammen mit einem älteren Spanier. Dieser traut sich gar nicht mit mir zu reden und verschwindet, nach Ablegen seines Rucksack, gleich wieder.

Auch hier nur mir unbekannte Pilger. Meine Pilger - Welle ist weg. Ich höre am Nebentisch zwar jemanden deutsch reden, aber dieser Typ ist mir sofort nicht sympathisch. Bewaffnet mit seinem Banjo versucht er den weiblichen Pilgerinnen ein esoterisches Gespräch aufzudrängen und ich kann nun mal wieder eine Lehrstunde von verschiedenen Pilger -Typen zelebriert verfolgen, ohne mich als deutschen Zuhörer zu outen.

Dieser Typ erzählt seinen zwei weiblichen Zuhörern, dass er den Jakobsweg in anderer Richtung von Santiago kommend wandert und in den Orten mit seiner Musik Geld für Essen, Trinken und Unterkunft versucht zu verdienen. Natürlich hat er auch schon eigene CDs mit seiner Musik produziert. Dann kamen seine tollen Erfahrungen und bisherigen Erleuchtungen vom Camino und als Krönung die Geschichte, dass er gerade für ein Jahr in Portugal war. In einem einsamen Dorf hätte er sich zurückgezogen, um ein Buch zu schreiben.

Leider ist seine Zeit dort abgelaufen und er hat das Buch nicht schreiben können! Nun will er weiter auf seinem Weg der Erkenntnis. Ich war erstaunt, wie diese beiden Frauen diesem Geschwafel voller Respekt zuhören konnten und als er dann noch ein , zwei natürlich selbst auf dem Jakobsweg komponierte Musik - Titel zum besten gab, waren die Damen ganz verzückt und wollten seine www - Adresse, damit sie eine CD von diesem einfach nur schlecht singenden Möchtegern - Künstler bestellen können.
Noch einem kurzen Gang durch den Ort und Essen besorgen, dann gleich zurück zur Herberge, da die vielen km doch sehr in den Knochen liegen und man schon bereits um acht Uhr schlafen gehen kann. Was übrigens auch viele Pilger machen.                       

Als ich den Kirchhof betrete, sitzt eine Pilgerin auf der Bordsteinkante zu den Pilger - Kabinen. Ich gehe mit kurzem Gruß an ihr vorbei und lese auf ihrem T- Shirt den Spruch:&
„ICH KANN GUT MIT VÖGELN“

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