Jakobsweg 2010 - Tag 27

08.06.2010        Pilgertag 27
Vega de Valcarce - Viduedo        27 km

Gestern Abend wurde schon heftig unter den Pilgern über den vor uns liegenden Camino - Abschnitt und das aufkommende schlechte Wetter diskutiert. Von der Herberge aus konnte man genau den Bergrücken sehen, über den wir heute marschieren müssen. Es geht bis auf eine Höhe über 1.300 m immer steil hinauf und bereits am frühen Morgen fängt es erst leicht und dann heftig an zu regnen.

Meinen Regenumhang hatte ich ja bis auf dem ersten Tag nie wieder gebraucht und deshalb ganz unten in den Rucksack vergraben. Außerdem war er durch den Rucksackriemen an der linken Schulter aufgerissen, so dass der linke Armteil nur noch gerade so dran hing. Es nützte nichts, der Regen wurde immer heftiger, also Rucksack komplett aus- und wieder einpacken, damit ich den Umhang raus bekomme.

Nun geht es auf Bergwegen inmitten eines Waldes immer nur steil auf. Der Weg extrem steinig und nun durch das vom Regen abfließende Wasser matschig und glatt. Vor mir zwei der Damen aus Spanien, denen ich seit Tagen immer wieder begegne. Während ich keuchend vor Anstrengung immer wieder stehen bleibe, ist eine der vor mir gehenden Pilgerinnen sogar in der Lage ununterbrochen mit ihrem Handy zu telefonieren und dabei trotzdem weiter zu laufen. Nach sieben Kilometern erreicht man das erste Dorf. Ich kann nur noch meinen Rucksack abwerfen und mich am Rande eines Brunnen hinsetzen.

Meine Klamotten sind komplett nass. Gar nicht so vom Regen, sondern durch die körperliche Anstrengung durchgeschwitzt.

Dem nach mir kommenden jungen Franzosen mit dem Hund geht es genauso wie mir und er macht auch erst mal eine lange Pause. Nur dem Hund sieht man die Anstrengung des Aufstiegs nicht an.

Ich ziehe mich nun komplett von Unterwäsche bis Jacke um, damit es weiter gehen kann. Es ist der erste Tag auf dem Camino, an dem ich froh bin Ersatz -Sachen mitzuhaben und diese auch wirklich brauche und nicht nur mit mir herum trage.

Ich bin in dem Dorf La Faba. Dieser Ort liegt auf einer Höhe von 1.293 m und obwohl ich gerade am Brunnen eine lange Pause gemacht habe, komme ich am einzigen Cafe des Ortes nicht vorbei. Hier wird nun der Flüssigkeitshaushalt des Körpers erst einmal wieder ausgeglichen.

Zwei Dosen Aquarius eiskalt, eine kleine Flasche Mineralwasser und zwei Kaffee gleichen den Wasserverlust der letzten sieben Kilometer aus und es ist eine halbe Stunde Pilger beobachten angesagt. Fast kein Pilger geht, ohne hier vorher einzukehren und auszuschnaufen, an diesem Cafe vorbei. Für den Besitzer ist die Lage am Pilgerweg, an diesem Standort, eine absolute Goldgrube.

Nach weiteren fünf Kilometern auf Wegen des Bergrückens erreiche ich den berühmten Ort O Cebreiro und begebe mich erst einmal in die Kirche, um mir den Pilgerstempel in meinen Pilgerpass geben zu lassen. O Cebreiro ist bekannt für seine wunderschönen rekonstruierten Rundhäuser. Runde Steinhäuser mit Strohdach, genannt Palloza. Sie gehen auf die mehr als 2500 Jahre alte keltische Bautradition zurück, die sich in den Bergen der Provinzen Ligo und Leon bis in unsere Tage erhalten hat.   

Bei schönem Wetter wäre ein längeres Verweilen hier wirklich angebracht, aber trotz des strömenden Regens gelingen mir einige eindrucksvolle Bilder von dieser Architektur, bevor ich den Ort verlasse.

Zwischen La Faba und O Cebreiro bin ich an einem Grenzstein vorbeigekommen und habe jetzt den Landesteil Spaniens GALICIA, in dem auch Santiago de Compostela liegt, erreicht. Bin bereits 680 km durch die Landesteile von Spanien NAVARRE- LA RIOJA - CASTILE LEON gewandert.

Ab Morgen liegen dann noch 130 km in GALICIA vor mir .Der Weg ab Cebreiro ist sehr breit und gut ausgebaut. Zu dem Regen kommt nun noch dichter Nebel. Plötzlich sehe ich ein großes Hinweisschild am Straßenrand mit der Aufschrift " Alto do San Roque, altitud 1.270 m". Sehe nach links auf die gegenüber liegende Straßenseite und erblicke die 3 m hohe Pilger- Statue. Hier an diesem Ort warst du schon mal, ging es mir sofort durch den Kopf und schon 2007, als ich mit dem Motorrad hier anhielt, um Fotos zu machen, beeindruckte mich dieser Pilger in seiner Kleidung, typisch für das Mittelalter. Seinen Kopf leicht nach vorne geneigt, hält er sich mit der einen Hand seinen Hut fest und stemmt seinen Körper beim Wandern gegen den starken Wind und Regen.                                              

So geht es mir heute auch. Nur 1.000 Jahre später !

Ich hatte ja im Vorfeld meiner Pilgerreise viel über das Thema gelesen und mich informiert. Viele Pilger, so wie auch Hape Kerkeling, schreiben über ihre besonderen Erlebnisse und Momente auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Auch einige Pilger jetzt auf meinem Weg berichteten von ihren starken ganz persönlichen Momenten während ihrer Wanderung. Frauen scheinen dafür empfänglicher als Männer zu sein und so manche Erzählung musste ich als rational denkender Mensch, der ich glaube zu sein, innerlich belächeln.

Aber eigenartig. War das Ablegen meines Steines am Cruz de Ferro ein ganz besonderer Moment für mich, spüre ich hier bei strömenden Regen und im Nebel so was Unerklärliches wie "Seelenverwandtschaft" mit diesem Pilger vor 1.000 Jahren. Na ja, ein wenig sehen wir uns doch auch ähnlich, oder?

Ich weiß in diesem Moment, dass dieser Weg auch mir später innerlich was Bleibendes gibt und es richtig und gut war und ist, diesen Camino zu gehen. Gegen die täglichen Schmerzen in den Beinen anzukämpfen und seine eigenen Leistungsgrenzen zu prüfen. Zwei Stunden später klingelt mein Handy. Ein Headhunter aus Mannheim von der Firma Hays will mich in seine Personal - Vermittlung einbeziehen und mir laufende Projektangebote als Bauleiter senden.

Zufall oder " Signal von meinem Seelenverwandten" aus dem Mittelalter?

Sonderbar, alle Pilger gehen hier vorbei, Gedankenversunken starr nach vorne blickend, ohne an diesem Denkmal stehen zu bleiben!
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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