Jakobsweg 2010 - Tag 30

11.06.2010    Pilgertag 30
Portomarin - Palas de Rei            26 km

  

Die alte Stadt Portomarin musste einem großen Stausee weichen. Die Kirche San Nicolas wurde Stein für Stein abgetragen und auf einem Hügel oberhalb des Stausees wieder aufgebaut. Auf dem Weg zur Herberge winkt mir vom Fenster des angrenzenden Restaurante Jo zu. Hier treffe ich sie alle wieder. Susan, Christopher und auch Michael und seine Pilgerbekannte. Auch die blonde Lady und Frühaufsteherin ist hier.

Ich setze mich zu Michael und den beiden Damen an den Tisch und wir stellen uns endlich vor. Die eine heißt Uta und läuft ja seit vielen Tagen mit Michael und Johann zusammen. Johann ist aber inzwischen schon vor ihnen. Die Blonde kommt aus Bayern und heißt Andrea. Wir hatten uns seit Villadangos del Paramo nur ein einziges Mal auf dem Weg wieder getroffen, einige belanglose Worte gewechselt und dann ist jeder in seinem Tempo weitergegangen und ich treffe sie hier nach sieben Tagen wieder. Zu uns an den Tisch gesellt sich noch Christopher und ich bewundere, wie perfekt Uta sich mit ihm auf Englisch unterhalten kann.

Einmal mehr, dass ich mich ärgere, diese Sprache nicht richtig zu beherrschen. Die Stimmung unter uns ist klasse. Wir sind mit Abstand die lautesten und es wird viel gelacht. Solche Abende hatte ich doch inzwischen vermisst, da ich seit ca. 14 Tagen immer nur mit fremdsprachigen Pilgern Kontakt hatte.

An unserem Nachbartisch saß auch eine deutsche Pilgerin und ihr männlicher Pilgerbegleiter. Sie war eine der beiden Damen, die so viele Fragen an den Möchtegern - Musiker von Cacabelos hatte. Nun lernte ich sie und ihren Pilgerfreund näher kennen. Diese Pilgerin, eine Frau so Anfang 60, schlank und großgewachsen, war so was wie ein "Profipilger". Der sie begleitende Pilger hatte Sie übers Internet kennengelernt.

Er wollte nicht alleine auf den Camino und hat sie also quasi gebucht. Jeder, den sich diese Pilgerin greifen konnte, musste sich die folgende Geschichte anhören. Nun waren ihre Tischnachbarn dran. Sie redete laut und bestimmend, dass kein Widerstand und schon gar keine Widerrede zu erwarten war. Diese Frau hatte einen extremen " Feldwebel - Stil". Also Sie war schon in der ganzen Welt auf Wanderschaft, besonders gerne wandert sie in den Alpen und hat dort jeden Gipfel schon bestiegen. Gleich am Beginn ihrer gemeinsamen Pilgerreise hat sie erst einmal den Rucksack ihres Begleiters ausgekippt und jeden, ihrer Meinung nach nutzlosen Gegenstand oder Sache, entfernt.

Er war ihr sehr dankbar und der Meinung, dass er ohne ihre Hilfe nie so weit auf dem Camino gekommen wäre. Obwohl sich beide ja erst auf dieser Wanderung persönlich das erste Mal begegnet sind, machten sie auf das Umfeld den Eindruck eines alten Ehepaares, die sich schon ewig kennen. Ich war erstaunt über diesen Mann, der sich von seiner Mitpilgerin klaglos und dabei augenscheinlich glücklich kommandieren ließ. Diese beiden haben sich gesucht und gefunden, das steht fest!

Über die 100 m lange Fußgängerbrücke geht es sofort aus Portomarin raus in einen Wald. Ich begegne immer wieder Christopher, gehe ein Teilstück mit ihm zusammen, bis er mir dann doch zu langsam wird. Das alte Spiel, an den Cafes treffen wir und die anderen immer wieder aufeinander.

Dann geht jeder weiter seinen Weg bis zum nächsten Treff. Erstmalig komme ich auch immer an zwei deutschen Pilgern vorbei, oder sie an mir, die ich bisher noch nie gesehen hatte. Der eine musterte mich bei jeder Pause und unterwegs, wagte es aber nie mich anzusprechen. Da ich mich in den Pausen immer zu dem Amerikaner Christopher sowie Susan und Jo setzte, hielt mich dieser deutsche Pilger wahrscheinlich auch für einen englischsprachigen Pilger. Mir war dieser Mann von Anfang an nicht sympathisch und zwei Begebenheiten bestätigten meine vor gefasste Meinung. Auch dieser Tag ging nicht ohne Regenfälle, zwar nicht so oft und andauernd wie in den vergangenen Tagen, aber der Regenumhang musste immer wieder ausgepackt werden. 
Bei einer Pause erlebte ich dann diese beiden deutschen Pilger am Nachbartisch, höre ihrem Gespräch zu und beobachte   das folgende Prozedere. Während der eine Pilger seinen Regenumhang alleine anzieht und seinen Rucksack aufschnallt, ordnet der andere in Befehlston ihn an, er möge ihm seinen Rucksack reichen und auflegen.

Dann soll er ihm den Regenumhang überziehen, die Kapuze aufsetzen und die Halskordel schnüren. Als der alles dienstbeflissen ausgeführt hatte und zu guter Letzt das Kapuzenband zuzog, schrie der Pilger: "Will er mich erwürgen, nicht so fest. Die Situation war einfach lächerlich. Schon wieder erlebe ich hier zwei Pilger, bei denen es nur gut miteinander geht auf dem Camino, wenn der eine Herr und der andere Knecht sein darf.

Einige Kilometer später beim Pausen- Kaffee erscheinen die beiden deutschen Pilger Minuten nach mir und setzen sich erneut an den Nachbartisch. Das erste Mal an diesem Tag wagt sich die Sonne ein wenig durch die Wolken und an einem anderen Tisch kommentieren die deutschsprachigen Pilger das mit Freude.

Der "Knecht " holte, wie sich das gehört, den Kaffee und etwas Gebäck für seinen " Herrn". Als dieser mit bekam, dass um ihn herum Deutsche sitzen, fing er an mit lauter Stimme, den Blick in den Himmel gerichtet, zu rufen: " Das ist mein Werk. Ich habe der Sonne befohlen zu erscheinen. "

In dem Moment war mir endgültig klar, gegenüber diesen Typen gibst du weiterhin den " Engländer."


 

 

 

 

 

 

 

 

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